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„GOTT LOBEN - DAS IST UNSER AMT“

I. Was ein Gotteshaus zu einem Gotteshaus macht.

Was macht eigentlich eine Kirche zu einem Gotteshaus? Was ist überhaupt eine Kirche? Würde man die Frage Kindern stellen, so würden sie womöglich antworten: Eine Kirche ist ein großes Haus mit einem hohen Dach, dicken Mauern, bunten Fenstern, einem Turm, Glocken und einer Orgel. So oder so ähnlich könnte die Antwort lauten, und so oder so ähnlich sehen auch Kirchen aus, die Kinder zeichnen.

 

Kinderkirche

 

Und tatsächlich. Eine Kirche hebt sich meistens deutlich von den anderen Häusern eines Dorfes oder einer Stadt ab – eine Kirche, sei es ein Dom, eine Kapelle oder ein Münster. Und doch ist es mit der Außenansicht von allein nicht getan, so schön und so wichtig sie ist.

 

Wichtiger noch ist, was im Inneren der Kirche geschieht. Martin Luther hat das seinerzeit in den Schmalkaldener Artikeln von 1537 auf die einfache Formel gebracht:

 

„Denn es weiß, gottlob, ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei, nämlich die heiligen Gläubigen und die Schäflein, so ihres Hirten Stimme hören.“

 

Es ist sicher kein Zufall, dass in den christlichen Kirchen drei Orte im Kirchenraum eine besondere Bedeutung haben: die Kanzel, der Altar und der Taufstein – Orte, an denen Wichtiges, für unseren Glauben Wichtiges geschieht: Wegweisung und Orientierung durch das Wort von der Kanzel her und Wegzehrung und Stärkung durch die Sakramente im Umfeld von Altar und Taufstein.

 

Helmut Ammann, der zeit seines Lebens seine Kunst von seinem Glauben her verstand, hat sich aus guten Gründen vor allem diesen Orten im Kirchenraum zugewandt. Richten wir deshalb unser Augenmerk zunächst auf die Kanzel.

 

Kanzel

 

Die Kanzel zeigt auf ihrer Brüstung, aus Kupferblech getrieben, sieben Gleichnisse vom Reich Gottes, wie sie der Evangelist Matthäus in seiner großen Gleichnisrede, Kapitel 13, bringt und wie man sie als Motive im einzelnen dort nachlesen kann:

 

das Gleichnis vom Fischernetz, vom Unkraut unter dem Weizen, vom Sauerteig, vom Senfkorn, vom vierfachen Ackerfeld, vom Schatz im Acker und von der kostbaren Perle – lauter Bilder, die das Glückhafte, Unerwartete und Wundervolle der Verkündigung Gottes vor Augen führen.

 

Um nur ein Beispiel, das Beispiel vom vierfachen Ackerfeld, aufzugreifen: In diesem Gleichnis wird die Verkündigung des Wortes Gottes mit dem Ausstreuen der Saat verglichen. Wir erinnern uns: Ein Teil der Saat fällt auf den Weg, ein Teil auf den Felsen und ein Teil unter die Dornen –und kommt jeweils um. Nur ein Bruchteil der Saat fällt auf gutes Land und bringt ein Vielfaches an Frucht. Es ist ein wirklichkeitsnahes Gleichnis, weil es die Wirksamkeit des Wortes auch in der heutigen Welt eher ernüchternd erzählt – und doch auf das Wunder des langen Atems setzt. Mich freut es und mich fasziniert es zugleich, dass man seinerzeit auch dieses Motiv für die Kanzel in Sennfeld ausgesucht hat - in Sennfeld, wo man Jahrhunderte hindurch Erfahrung mit Säen und Ernten, Wachsen und Gedeihen hat und sich selbst unter den entfernten Nachkommen der bäuerlichen Vorfahren und der Bauernhöfe noch einen Sinn für Landschaft und Landwirtschaft bewahrt hat – wie ich ihn immer wieder auch an mir selbst entdecke.

 

Auch der zweite Ort im Kirchenraum, den Helmut Ammann künstlerisch ausgestaltet hat, stellt eine Verbindung zwischen der biblischen Geschichte und der Geschichte von Sennfeld her: Auf dem Hintergrund all der Wirren des Zweiten Weltkrieges, der Nazidiktatur und der Dämonie ihres Führers zeigt die Altarwand

 

Altarwand

 

als Gegenbild dazu den erhöhten Christus als eine königliche und majestätische Gestalt. Wenige Jahre nach dem Grauen von Verführung, Krieg und Zerstörung, ja von Hölle und Tod, das bis in die Grundmauern der Kirche hinein gereicht hat, hat Helmut Ammann bei der Ausgestaltung dieser großen, eindrucksvollen Altarwand aus Travertine, aus italienischem Tuffstein, auf Bilder und Symbole der Offenbarung des Sehers Johannes zurückgegriffen. Um das Bild besser zu verstehen, sollte man wenigstens kurz den Text kennen lernen, auf den sich das Bild in seiner Aussage bezieht. Es ist der Text Offenbarung des Johannes, Kapitel 1, Vers 12 ff. Ich lese ihn nach der Übersetzung von Walter Jens:

 

„Als ich mich umwandte

- welche Stimme sprach da mit mir? -,

sah ich,

auf einmal,

die sieben goldenen Leuchter

und in ihrer Mitte

den MENSCHEN,

bekleidet, bis zu den Füßen,

mit einem langen Gewand

und gegürtet, um den Leib, mit einem Goldreif.

Sein Haupt und seine Haare strahlend weiß

wie schimmernde Wolle,

nein, heller noch: wie Schnee!

Die Augen: lodernde Flammen,

und seine Füße: glühendes,

im Ofen zerschmelzendes Erz,

funkelnd wie Gold.

Und seine Stimme brausend wie

die gewaltigen Wasser

und das Dröhnen der Brandung.

Da! In seiner Rechten die Sterne:

sieben!

Und sein Mund:

ein mächtiges, doppelschneidiges Schwert.

Wie die Sonne, hoch im Zenit,

ein strahlender Ball,

so war sein Antlitz.

Als ich ihn sah,

warf ich mich nieder vor ihm,

zu seinen Füßen – wie tot!

Er aber legte die Rechte auf mich und sprach:

Hab keine Furcht.

Ich bin der Erste und der Letzte.

Der Lebendige bin ich.

Ich war tot, aber jetzt

- schau mich an! –

lebe ich wieder:

von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Die Todes- und die Höllen-Schlüssel

sind in meiner Hand.“

(Apk. 1, 12 ff)

 

Ich kann hier leider nicht näher auf den Text eingehen. Ein paar Anmerkungen dazu aber seien doch erlaubt:

 

Die Sinnbilder

der sieben goldenen Leuchter, der goldene Gürtel, die feurigen Augen des Menschensohnes, das Schwert aus seinem Munde, die erhobenen Hände, das hoheitsvolle Angesicht und die sieben Sterne sollen zeigen, wer am Ende die Herrschaft über Himmel und Erde haben wird. Aber es wird eine menschliche und menschenfreundliche Herrschaft sein. Denn es ist das Wort, das „Schwert“ in seinem Munde, mit dem er regiert, nicht das Schwert in seiner Hand. Und schon wölbt sich der Regenbogen, das Sinnbild des Friedens, über die kosmischen Räume, und schon wird das ungemein tröstliche und hoffnungsvolle Wort in die fremd anmutende Szene gesprochen: „Fürchte dicht nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“

 

So kann nur einer sprechen, der den Tod und die Hölle, all das Grauen und Entsetzen in der Welt, hinter sich hat. Das Wort des erhöhten Christus – das wollte Helmut Ammann der Gemeinde von Sennfeld wohl für alle Zeiten vor Augen führen -, das Wort des Auferstandenen steht fortan über diesem Ort, an dem noch vor sechzig Jahren Tod und Zerstörung geherrscht haben.

 

Der dritte Ort im Kirchenraum, den Helmut Ammann künstlerisch gestaltet hat, sind die beiden Fenster, die die Altarwand einrahmen. 

 

Fenster haben zu allen Zeiten eine wichtige Funktion für das Haus: Dass man hindurchschauen kann auf das Draußen und das Droben – und dass von Draußen oder von Droben Licht hereinfällt. Auch die Fenster des Kirchenraumes erfüllen diese Aufgabe – und erfüllen zugleich doch noch mehr als diese Aufgabe: Sie sind mehr als nur schlichte Mauerlöcher, sondern lichterfüllte Öffnungen, Durchbrüche sozusagen zum Himmel hin, in vielen Kirchen sogar künstlerisch mit Glasmalerei gestaltet. Fenster – so kann man sagen – sind wie Transparente im Advent. Sie lassen das Licht durch und werfen zugleich ihr Licht auf lebendige Motive: Heiligenfiguren zum Beispiel oder Apostelgestalten, Szenen aus dem Kirchenjahr oder biblische Geschichten. Helmut Ammann hat für die Ausgestaltung der beiden Fenster im Altarraum mit Bedacht zwei der grundlegendsten Motive der Bibel ausgewählt: die alttestamentliche Erzählung vom Paradies und die neutestamentliche Geschichte von Pfingsten.

 

So sieht man auf dem kreisrunden Medallion in der Mitte des linken Fensters die Grundzüge der Paradiesesgeschichte abgebildet: die beiden Menschen, die sich den Apfel reichen, die beiden Bäume und den blauen Fluss – und das alles auf goldenem Grund, so als sei alles noch in Gold und das Ganze noch eine heile Welt – und doch übergibt Eva bereits das Symbol des Apfels an Adam weiter und die Schlange lauert züngelnd am Rande des Bildes, eines im Grunde noch friedvollen Bildes.

 

Auch in der Mitte des viereckigen Medallions im rechten Fenster sind Menschen, sogar viele Menschen zu sehen – Menschen, die nach oben blicken auf die Feuerflammen über ihren Häuptern und auf das Licht, das wie ein Trichter vom Himmel fällt und ihre Welt hell erleuchtet, vorbei an viel Dunkel, vorbei an den blutroten Feldern der Schlange und durch alles Dunkel hindurch, so dass sich die Menschen aufrichten und sich ganz nach oben hin öffnen.

 

Helmut Ammann hat mit seiner Verknüpfung der Geschichte vom Paradies und von Pfingsten – genau genommen – ein theologisches Kunststück vollbracht: Er hat die Geschichte von der Schöpfung und vom sogenannten Sündenfall in das Licht von Ostern und Pfingsten getaucht. Das ist ungewöhnlich. Denn gewöhnlich wird die Geschichte von Pfingsten mit der Erzählung vom Turmbau zu Babel in Verbindung gebracht und unter anderem darauf abgehoben, dass nunmehr die Kluft zwischen den unterschiedlichsten Sprachen, Missverständnissen und Kulturen der Menschen aufgehoben sei und durch das Wirken des Geistes eine neue Ära des Verstehens und der Geschwisterlichkeit begonnen habe. Helmut Ammann aber geht mit seiner Aussage einen Schritt weiter: Er bezieht die ganze Schöpfung in den Prozess der Versöhnung ein. Das habe ich so noch nie bei einem zeitgenössischen Künstler gesehen – außer hier, in Sennfeld.

 

Und schließlich – mit Verlaub und ohne Schmeichelei sei es gesagt – ein Kompliment an die Kirchengemeinde, den Kirchenvorstand und Herrn Pfarrer Pöschel: Sie haben sich für die Ausgestaltung des Kirchenraumes in verschiedenen Etappen noch einmal denselben Künstler, sogar in sehr hohem Alter, geholt und haben so dazu beigetragen, dass die Ausgestaltung des Kirchenraumes aus einer Hand kam und somit ein einheitliches Gesamtkunstwerk entstanden ist. Eine solche Entscheidung versteht sich keineswegs von selbst - und sie verdient hohen Respekt.

 

Mehr noch. Diesem Gesamtkunstwerk hier im Kirchengebäude liegt – genauer betrachtet – ein künstlerisches und geistliches Konzept zu Grunde, das dem Namen „Dreieinigkeitskirche“ auch optisch gerecht wird: Denn wir haben im linken Fenster mit seinem Thema „Schöpfung“ den ersten Glaubensartikel vor Augen, mit der Altarwand und der Thematik „Christus, der auferstandene und erhöhte Herr“, den zweiten Glaubensartikel und mit dem rechten Fenster und dem Thema „Pfingsten“ den dritten Glaubensartikel und jeder Gottesdienst, den Sie hier in dieser Kirche feiern, geschieht somit auch bildhaft und anschaulich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

 

Gehen wir schließlich zum vierten Ort des Kirchengebäudes: zum Kirchenportal.

 

Denn auch die Skulptur mit dem Motiv der Dreieinigkeit über dem Portal ist nach demselben Prinzip entstanden: nämlich das Motiv der Dreieinigkeit oder der Dreifaltigkeit Gottes aus dem Stein heraus zu gestalten:

 

Gott-Vater mit dem Reichsapfel als Ausdruck seiner Hoheit,

Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene mit ausgebreiteten Armen und

Gott, der Heilige Geist, in der klassischen Gestalt der Taube.

 

Auch dieses Kunstwerk, aus der Ferne wie die Überschneidung von Kreuz und Kreis anzuschauen, trägt ein besonderes Kennzeichen, mit dem Helmut Ammann immer wieder seinen Glauben in die Materie von Holz und Glas, Erz und Stein, Ton und Leinwand zu übersetzen gesucht hat: seine tiefe Ehrfurcht vor einem Gott, der Herr des Himmels und der Erden bleibt und doch in die Wirklichkeit des Menschen eingeht. So wie die Menschen in seine Wirklichkeit Mal für Mal eingehen: mit ihrem Leid und ihrem Glück, ihrem Stolz und ihrem Schmerz, ihren Träumen und ihrer Trauer. Und wie viele Menschen sind nicht schon im Laufe der letzten fünfzig Jahre durch dieses Tor ein- und ausgegangen! Wer kann, wer will sie zählen?

 

II. Helmut Ammann, der Mensch

Wir haben nun einiges von Helmut Ammann, dem Künstler, gehört – insbesondere im Hinblick auf die Kunstwerke in der Dreieinigkeitskirche von Sennfeld. In jedem Künstler steckt jedoch auch ein Mensch, ein individueller Mensch, und in jedem Kunstwerk von ihm kommen auch seine Menschlichkeit, Eigenheit und Originalität zum Ausdruck. Wer aber war Helmut Ammann als Mensch?

 

Helmut Ammann wurde am 21. Oktober 1907 als ältestes von fünf Geschwistern in Shanghai geboren – in Shanghai, wohin der Vater, Waldemar Ammann, berufen worden war, um dort eine medizinische Hochschule zu gründen und chinesische Studenten im Fach Anatomie zu unterrichten. Der Aufenthalt in China dauerte freilich nicht lange: Nach dreieinhalb Jahren musste die Familie nach Berlin zurückkehren, weil der kleine Helmut schwer erkrankt war.

 

Dort, in Berlin, wuchs er denn auch auf: mit seinen vier Geschwistern, seiner Mutter Margarete, die aus einer Rostocker Professorenfamilie kam, und dem Vater Waldemar, der aus einer alteingesessenen Schweizer Familie stammte und sich schließlich als praktischer Arzt in Berlin niederließ. Das Haus Ammann war – so gesehen – gut situiert und reich an kulturellen Anregungen. Bald zeigte sich auch, dass das Kind Helmut Ammann in nahezu jeder Hinsicht hochtalentiert war: bildnerisch, literarisch, musikalisch, schauspielerisch. Zugleich wurde ihm die vielseitige Begabung aber auch zum Problem: Wofür, für welchen Beruf, sollte und wollte er sich schließlich entscheiden? So brach er eines Tages abrupt die Schule ab, den Besuch des Humanistischen Gymnasiums in der 11. Klasse, und beschloss, Schauspieler zu werden, entschied sich aber nach einer Weile und einigem Widerstand aus der Familie dann doch dafür, Bildhauer zu werden. Die Liebe zum gesprochenen Wort, zum Theater und zur Literatur hat er sich freilich sein ganzes Leben hindurch erhalten.

 

Im Jahre 1927, seinem 20. Lebensjahr, machte er sich, zusammen mit einem Freund, schließlich nach Frankreich auf, wo er sich einige Monate in Paris und in der Bretagne aufhielt und bei den Bildhauern Bourdelle und Despian in die Schule ging. Als er Ende 1927 nach Berlin zurückkehrte, erkrankte er freilich erneut sehr schwer und musste die so hoffnungsvoll begonnenen künstlerischen Anfänge für ein ganzes Jahr unterbrechen. Nach seiner Genesung setzte er jedoch seine Ausbildung zum Bildhauer an der Berliner Akademie der Schönen Künste und, zwei Jahre später, an der Münchener Akademie fort. In München erweiterte er sogar noch seine Ausbildung und nahm zur Bildhauerei das Studium der Graphik hinzu.

 

Im Jahre 1935 beendet er die Zeit seiner offiziellen Ausbildung – inoffiziell blieb er freilich zeitlebens ein Lernender, nicht zuletzt auch durch den freundschaftlichen Austausch mit anderen Künstlern wie Karl Knappe und nicht zuletzt auch dadurch, dass er sich selbst eine Reihe von Künsten wie die Glasmalerei, das Schnitzhandwerk und vieles andere mehr selbst angeeignet hat. Im gleichen Jahr ließ er sich in München als Bildhauer, Maler und Graphiker nieder, und im gleichen Jahr heiratete er auch seine Lebenspartnerin Carmen Ines, eine sehr begabte, reife und sensible Frau, die er zeitlebens liebte und verehrte.

 

Es folgte eine – vor allem in finanzieller und politischer Hinsicht – sehr schwierige Zeit. Arbeiten von Helmut Ammann (wie etwa ein Holzrelief für ein Polizeiheim am Spitzingsee) wurden als „entartete Kunst“ verfemt, das Ehepaar Ammann kam in Berührung mit der Widerstandsbewegung „Weiße Rose“, Aufträge blieben aus und mussten mühsam erbeten werden. Zum Glück hat ihn seine Schweizer Staatsbürgerschaft davor bewahrt, in den Krieg zu müssen. Aber die Bombenangriffe auf München waren Anlass genug, einige Jahre der Evakuierung in Castell in Franken zu verbringen. Die Tagebuchaufzeichnungen seiner Frau Carmen sagen es auf feine und doch deutliche Weise: Es war - wie für viele Familien in Deutschland - auch für diese Familie eine Zeit der Not, der Armseligkeit und des Schreckens. Und doch war es für Helmut Ammann trotz allem auch eine Zeit stillen Schaffens, der Zuversicht, ja auch des Humors. Tag für Tagt, oftmals noch vor Tagesanbruch, nahm er sich Zeit, seine berühmten „Morgengrüße an Carmen“ zu verfassen und sie ihr zum Frühstück zu servieren.

 

Die furchtbaren Ereignisse des Krieges, die Bilder der zerstörten Städte und das Ende der Schreckensherrschaft blieben nicht ohne tiefen Einfluss auf den Künstler und sensiblen Menschen Helmut Ammann. Unmittelbar nach dem Krieg entstand so eine ganze Reihe von Arbeiten, die aufrütteln und zur Umkehr anregen wollten, Mahnmale gegen den Krieg wie

 

Jetzt, nach Kriegsende, wurde er auch als Künstler besonders gebraucht und anerkannt. Es begann – auch für ihn - die  Zeit eines unerhört reichen, ja rastlosen Schaffens: im städtischen, im staatlichen und insbesondere im kirchlichen Bereich- und das in nahezu allen Sparten der bildenden Kunst:

 

„Das Spektrum reicht vom geschnitzten Rindenstück bis zur Holzskulptur, es entstanden Bronzeportraits und Eisenarbeiten, kleine Specksteine, aber auch ein tonnenschwerer Brunnenfels aus Nagelfluh, Steinmosaiken, Bildhauerzeichnungen, Holzschnitte, Aquarelle, Radierungen. In jedem Material zeigte Helmut Ammann erstaunliche Sicherheit und großen Mut: ‚Der Zugriff muss kühn sein – sagt er selbst -. Dann bist du in der Lage weiterzumachen. Wenn du zimperlich bist, dann brauchst du viele Jahre.’“

(Erich Kasberger, a.a.O., S. 205 f.)

 

Und noch eine wichtige Einsicht, ja eine tiefe Weisheit des Künstlers und Menschen Helmut Ammann stammt aus dieser Zeit: Nichts geht verloren. Was immer vom Stein wegbricht, ist nicht umsonst weggebrochen. Vielmehr - sagt er - : „Was abspringt, ist richtig.“ (Erich Kasberger, a.a.O., S. 205).

 

Die Fülle der Arbeit wächst – wie gesagt – ins Unermessliche, wie auch der Bekanntheitsgrad und die Reichweite der Aufträge an ihn in Deutschland unaufhaltsam wachsen: von Bremen bis Burghausen in Oberbayern, von Hof bis zum Kloster Lambrecht in der Pfalz und an unzähligen anderen Orten. Und immer wieder wird in seinen Arbeiten die Absicht spürbar: zu erzählen, in Geschichten und Bildern zu erzählen, insbesondere mit dem Mittel der Kirchenfenster.

 

„Das Bild in der Glasmalerei – sagt er einmal – ist eben das Erzählen..., das mir damals  gemäß war. In gewissem Sinne war dies auch meine Kinderseele. Die Schönheit der Geschichten, die in der Bibel erzählt werden, ist mir sehr früh aufgegangen. Ich habe mir diese Bilder oft vorgestellt und meine eigene Situation darin wiedergefunden. Alle Nöte und Zweifel waren darin schon eingezeichnet. Als diese Aufträge auf mich zukamen, war ich eigentlich sehr gut vorbereitet, so dass die Komposition als solche und das Erzählen für mich ein Vergnügen wurden.“

(Erich Kasberger, a.a.O., 206)

 

Noch hat der Bildhauer freilich die physische Kraft, noch hat der Mensch Helmut Ammann die nötige Gesundheit, die vielen Aufträge eigenhändig auszuführen.

 

Aber mehr und mehr braucht er, mehr und mehr holt er sich auch Hilfe, so auf künstlerischem Gebiet, wo ihm sein „Ziehsohn“ und junger Kollege Raphael Stolle wie ein Engel zur Hand geht:

 

Aber der Gesundheitszustand und die körperliche Gebrechlichkeit führen in wachsendem Maße dazu, dass der Mensch Helmut Ammann Fürsorge, Hilfe und Unterstützung erfährt und annimmt, insbesondere durch seine Lebenspartnerin Gisela Kraus-van Erckelens, die Witwe eines Universitätsprofessors in Pöcking, zu der er nach dem Tod seiner Frau Carmen im Jahre 1976 zieht. Mit ihr erlebt er noch einmal eine neue Schaffensperiode. Mit ihr bricht er auch noch einmal auf -  auch zu Reisen in die große Welt: nach Jamaika zum Beispiel, in die Schweiz, in die Vereinigten Staaten, vor allem die große Stadt New York. Aus dieser Zeit stammt eines der schönsten Fotos,die wir von Helmut Ammann haben: dem Menschen mit dem eleganten Hut, dem schwungvoll umgeworfenen Schal und den ins Weite blickenden Augen. Die achtziger und die neunziger Jahre – es sind Jahre des Glücks für ihn geworden und der Ernte eines erfüllten Lebens, eine geschenkte Zeit gewissermaßen, die schließlich am 28. Januar 2001 zu Ende ging. Mit über 93 Jahren starb er im Frieden, noch wachen Geistes, aber von körperlicher Schwäche und Schmerzen gezeichnet. Sein Leben erlosch, so wie eine heruntergebrannte Kerze langsam erlischt.

 

III. Das künstlerische Werk von Helmut Ammann - drei Akzente.

Im Laufe des Lebens, insbesondere in den Jahren nach dem Krieg, wurde der Künstler Helmut Ammann zusehends bekannter, von Kunstwerk zu Kunstwerk, und es sprach sich – nicht nur in kirchlichen Kreisen – rasch herum, was ihn besonders ausgezeichnet hat: seine Originalität, seine Vielseitigkeit, sein Fleiß. So stehen am Ende seines Lebens ein Ruf von Weltrang und ein Werk von unzähligen Arbeiten aus nahezu jedem Material: Portraits und Steinplastiken, Reliefs und Altäre, Mosaiken und Ölbilder, Denkmäler und Schnitzwerke. Ein vorläufiges Werkverzeichnis zählt nicht weniger als 769 große Kunstwerke, von den kleinen und kleineren ganz zu schweigen. Es blieb denn auch nicht aus, dass ein solcher Künstler von Weltrang immer wieder auch hohe Auszeichnungen erhielt:

  • so den Kunstpreis der Stadt Schaffhausen in der Schweiz, der Stadt seiner Väter,
  • so den Schwabinger Kunstpreis der Stadt München (1966) und
  • so den Albert-Schweitzer-Preis für Kunst der Stadt Amsterdam, den er im Jahre 1971 aus der Hand der holländischen Königin in Empfang nahm, und andere mehr.

 

Worum aber ging es nun Helmut Ammann in seiner Kunst zuvörderst? Welche Schwerpunkte, welche Motive , welche Themen stellen sich bei näherem Zusehen heraus?

Lassen Sie mich hier in aller Kürze auf drei Akzente näher eingehen.

 

1.Der einzelne Mensch

Da ist zunächst der einzelne Mensch, dem schon seit jeher die Aufmerksamkeit von Helmut Ammann gegolten hat – der einzelne Mensch: sein Gesicht, seine Gestik, seine Gestalt,

  • sei es ein Portrait aus Bronze wie das des Dirigenten Hanns Knappertsbusch,
  • sei es die Federzeichnung von Heinz Flügel, dem Schriftsteller und Freund,
  • sei es das Aquarell auf Leinwand von Frau Alice Jungwirth.

 

Dabei fällt auf, wie sehr und wie mutig sich Helmut Ammann – ganz im Gegensatz zu anderen Malern unserer Zeit  – überhaupt auf das Gesicht des Menschen einlässt.

 

„Für mich ist eine Nase – sagt er einmal – nicht einfach eine Nase, ein Mund nicht einfach Mund, eine Stirn nicht einfach Stirn, sondern diese sind Ausdruckszeichen eines inneren Zusammenhangs.“ ( Erich Kasberger, a.a.O., S.12)

 

Und an anderer Stelle sagt er es noch deutlicher:

„Ich habe immer vorausgesetzt, dass jeder Mensch ein eigenes Gesicht hat, das der Mühe wert ist, entdeckt zu werden. Aber leben wir nicht in einer gesichtslosen Zeit? Wie individuell sind die Gesichter, denen wir begegnen?“ (Erich Kasberger, a.a.O., S. 13)

 

Besonders eindrucksvoll, ja unerschrocken ist er dabei mehrfach der Frage nach dem eigenen Gesicht nachgegangen – seinem Schicksal, seiner Wandlung, seinem Verfall, den es im Laufe der Lebensgeschichte durchmacht. Lassen Sie mich das am Beispiel von drei ausgewählten Selbstbildnissen anschaulich machen:

  • dem Selbstbild von 1954, einer Kohlezeichnung,
  • dem Selbstbildnis von 1976 mit verwelktem Rosenstrauß, einem Ölbild,
  • und dem Selbstbildnis „Das neue Gesicht“ von 1987, einem Kunstwerk aus Bronze und einer kühnen Konfrontation des damals 80-jährigen Künstlers mit dem eigenen Tod, wohl eines seiner berühmtesten Werke:

 

2. Der Mensch in seiner Welt

Auch wenn der Mensch allein in diese Welt kommt, auch wenn der Mensch sie wieder allein verlassen muss, so ist und bleibt er oder sie im Leben zumeist doch nicht allein. Jeder Mensch ist mehr oder weniger lange mit anderen Menschen zusammen, lebt sozusagen in Beziehung zu anderen. Der Mensch ist – so gesehen – ein Beziehungswesen, und seine Wirklichkeit ist eine „Beziehungswirklichkeit“. Helmut Ammann hat dieses Wort „Beziehungswirklichkeit“ besonders geliebt und oft gebraucht. Und er hat diese Tatsache in einer Vielfalt von Themen immer wieder künstlerisch durchgespielt:

 

3. Der Mensch in seinem Glauben

Helmut Ammann hat zahlreiche Arbeiten für öffentliche Einrichtungen geschaffen:

  • für das Europäische Patentamt in München zum Beispiel,
  • für die Landesbank in Nürnberg,
  • für das Klinikum in Großhadern, München, und viele mehr.

 

Seine besondere Liebe aber hat doch zeitlebens den Kirchen gegolten, dem Glauben und der religiösen Kunst: der Ausgestaltung von Kirchen und Gemeindehäusern, Meditationszentren und Kreuzgängen, Sakristeien und Friedhöfen. Wir sehen das beispielsweise am künstlerischen Ausbau von Kirchenräumen wie

  • dem „Himmlischen Jerusalem“ in der Erlöserkirche Würzburg-Zellerau,
  • dem Weihnachtsfenster in der Apostelkirche von  Weilheim,dem „Fünfbotenaltar“ im Münster von Heidenheim am Hahnenkamm
  •  

Wir sehen das zum anderen am Umgang mit religiösen Bildern und Symbolen wie

  • dem Lamm (Steinmosaik) in der Erlöserkirche von Würzburg-Zellerau,
  • dem heiligen Michael (Steinmosaik, 1984) in der Kirche von Lochham bei München,
  • dem Kreuz aus belgischem Granit von 1985

                                     

Und wir sehen das schließlich an der Gestaltung von Grabmälern, Friedhöfen

und Hoffnungszeichen

  • wie dem Grabmal für Heinz Rühmann (1995),
  • wie am Mahnmal auf dem Friedhof von Pöcking  (1983),
  • und schließlich wie an dem Kunstwerk „Die Himmelsscherbe“,

 

In dieser sogenannten „Himmelsscherbe“ (200x236 cm groß, in Kirberg), einem beim ersten Hören etwas seltsam klingenden Kunstwerk aus Bronze und späten Werk aus dem Jahre 1994, in dem Helmut Ammann immerhin 87 Jahre alt wurde – in dieser „Himmelsscherbe“ also verdichten sich noch einmal all das Sehen, Hoffen und Glauben, die Helmut Ammann sein ganzes Leben beseelt und bewegt haben: das entschlossene Stehen und Leben auf dieser Erde und die stille Sehnsucht nach dem Himmel, die Abrundung des Kunstwerkes in der Form und ihre Aufgeschlossenheit und Offenheit zugleich nach oben hin, die Ahnung von einem gebogenen Blatt oder einer offenen Hand, die das Licht versammelt und zum Bleiben einlädt, ein ruhender Pol sozusagen in diesem grünen Raum der Natur, so als wollte die Ruhe dieses Raumes zum Ausdruck bringen: Ich warte noch auf etwas – auf etwas, was noch kommt, auf etwas, was diese offene Hand noch füllen wird – und sei es mit einem unerwarteten Geschenk, und sei es mit einem Wunder.

 

Helmut Ammann sagt selbst in einem Gespräch ein paar wundervolle Sätze zu dieser Arbeit, und mit diesen Sätzen sollen meine Ausführungen hier denn auch schließen:

 

„Es ist vielleicht die beziehungsreichste Arbeit, die ich je gemacht habe. Sie ist ein Gleichnis. Zum einen bezieht sie sich auf die Erde und zum anderen auf den Himmel. Himmel und Erde stehen in Beziehung, ganz bewusst. Die ‚Himmelsscherbe’ ist wie alle Pflanzen zum Licht geöffnet und sie ist nicht ohne Himmel und nicht ohne Erde denkbar. Die Brücken sind da, jeder spürt sie jeden Tag.“ (Erich Kasberger, a.a.O., S. 210)

 

Die Brücken sind da, jeder spürt sie jeden Tag.

Ich danke für alle Aufmerksamkeit.