ZUR KÜNSTLERISCHEN AUSGESTALTUNG DER
DREIEINIGKEITSKIRCHE IN SENNFELD UND
Was macht eigentlich eine Kirche zu einem
Gotteshaus? Was ist überhaupt eine Kirche? Würde man die Frage Kindern stellen,
so würden sie womöglich antworten: Eine Kirche ist ein großes Haus mit einem
hohen Dach, dicken Mauern, bunten Fenstern, einem Turm, Glocken und einer
Orgel. So oder so ähnlich könnte die Antwort lauten, und so oder so ähnlich
sehen auch Kirchen aus, die Kinder zeichnen.

Und tatsächlich. Eine Kirche hebt sich meistens
deutlich von den anderen Häusern eines Dorfes oder einer Stadt ab – eine
Kirche, sei es ein Dom, eine Kapelle oder ein Münster. Und doch ist es mit der
Außenansicht von allein nicht getan, so schön und so wichtig sie ist. Wichtiger
noch ist, was im Inneren der Kirche geschieht. Martin Luther hat das seinerzeit
in den Schmalkaldener Artikeln von 1537 auf die einfache Formel gebracht:
„Denn es weiß, gottlob, ein
Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei, nämlich die heiligen Gläubigen und die
Schäflein, so ihres Hirten Stimme hören.“
Es
ist sicher kein Zufall, dass in den christlichen Kirchen drei Orte im
Kirchenraum eine besondere Bedeutung haben: die Kanzel, der Altar und der
Taufstein – Orte, an denen Wichtiges, für unseren Glauben Wichtiges geschieht:
Wegweisung und Orientierung durch das Wort von der Kanzel her und Wegzehrung
und Stärkung durch die Sakramente im Umfeld von Altar und Taufstein.
Helmut Ammann, der zeit seines Lebens
seine Kunst von seinem Glauben her verstand, hat sich aus guten Gründen vor
allem diesen Orten im Kirchenraum zugewandt. Richten wir deshalb unser
Augenmerk zunächst auf die Kanzel.

Die Kanzel zeigt auf ihrer Brüstung,
aus Kupferblech getrieben, sieben
Gleichnisse vom Reich Gottes, wie sie der Evangelist Matthäus in seiner großen Gleichnisrede, Kapitel 13, bringt und wie
man sie als Motive im einzelnen dort nachlesen kann:
das Gleichnis vom
Fischernetz, vom Unkraut unter dem Weizen, vom Sauerteig, vom Senfkorn, vom
vierfachen Ackerfeld, vom Schatz im Acker und von der kostbaren Perle – lauter Bilder, die das
Glückhafte, Unerwartete und Wundervolle der Verkündigung Gottes vor Augen
führen.
Um
nur ein Beispiel, das Beispiel vom
vierfachen Ackerfeld, aufzugreifen: In diesem Gleichnis wird die
Verkündigung des Wortes Gottes mit dem Ausstreuen der Saat verglichen. Wir
erinnern uns: Ein Teil der Saat fällt auf den Weg, ein Teil auf den Felsen und
ein Teil unter die Dornen –und kommt jeweils um. Nur ein Bruchteil der Saat
fällt auf gutes Land und bringt ein Vielfaches an Frucht. Es ist ein
wirklichkeitsnahes Gleichnis, weil es die Wirksamkeit des Wortes auch in der
heutigen Welt eher ernüchternd erzählt – und doch auf das Wunder des langen
Atems setzt. Mich freut es und mich fasziniert es zugleich, dass man seinerzeit
auch dieses Motiv für die Kanzel in Sennfeld ausgesucht hat - in Sennfeld, wo
man Jahrhunderte hindurch Erfahrung mit Säen und Ernten, Wachsen und Gedeihen
hat und sich selbst unter den entfernten Nachkommen der bäuerlichen Vorfahren
und der Bauernhöfe noch einen Sinn für Landschaft und Landwirtschaft bewahrt
hat – wie ich ihn immer wieder auch an mir selbst entdecke.
Auch
der zweite Ort im Kirchenraum, den Helmut Ammann künstlerisch ausgestaltet hat,
stellt eine Verbindung zwischen der biblischen Geschichte und der Geschichte
von Sennfeld her: Auf dem Hintergrund all der Wirren des Zweiten Weltkrieges,
der Nazidiktatur und der Dämonie ihres Führers zeigt die Altarwand

als
Gegenbild dazu den erhöhten Christus als eine königliche und majestätische
Gestalt. Wenige Jahre nach dem Grauen von Verführung, Krieg und Zerstörung, ja
von Hölle und Tod, das bis in die Grundmauern der Kirche hinein gereicht hat,
hat Helmut Ammann bei der Ausgestaltung dieser großen, eindrucksvollen
Altarwand aus Travertine, aus italienischem Tuffstein, auf Bilder und Symbole
der Offenbarung des Sehers Johannes zurückgegriffen. Um das Bild besser zu
verstehen, sollte man wenigstens kurz den Text
kennen lernen, auf den sich das Bild in seiner Aussage bezieht. Es ist der Text
Offenbarung des Johannes, Kapitel 1, Vers
12 ff. Ich lese ihn nach der Übersetzung von Walter Jens:
„Als ich mich umwandte
- welche Stimme sprach da
mit mir? -,
sah ich,
auf einmal,
die sieben goldenen Leuchter
und in ihrer Mitte
den MENSCHEN,
bekleidet, bis zu den Füßen,
mit einem langen Gewand
und gegürtet, um den Leib,
mit einem Goldreif.
Sein Haupt und seine Haare
strahlend weiß
wie schimmernde Wolle,
nein, heller noch: wie
Schnee!
Die Augen: lodernde Flammen,
und seine Füße: glühendes,
im Ofen zerschmelzendes Erz,
funkelnd wie Gold.
Und seine Stimme brausend
wie
die gewaltigen Wasser
und das Dröhnen der
Brandung.
Da! In seiner Rechten die
Sterne:
sieben!
Und sein Mund:
ein mächtiges,
doppelschneidiges Schwert.
Wie die Sonne, hoch im
Zenit,
ein strahlender Ball,
so war sein Antlitz.
Als ich ihn sah,
warf ich mich nieder vor
ihm,
zu seinen Füßen – wie tot!
Er aber legte die Rechte auf
mich und sprach:
Hab keine Furcht.
Ich bin der Erste und der
Letzte.
Der Lebendige bin ich.
Ich war tot, aber jetzt
- schau mich an! –
lebe ich wieder:
von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Die Todes- und die
Höllen-Schlüssel
sind in meiner Hand.“
(Apk. 1, 12 ff)
Ich
kann hier leider nicht näher auf den Text eingehen. Ein paar Anmerkungen dazu aber
seien doch erlaubt:
Die Sinnbilder
der sieben goldenen Leuchter, der goldene Gürtel, die feurigen Augen des Menschensohnes, das Schwert aus seinem Munde,
die erhobenen Hände, das hoheitsvolle Angesicht und die sieben Sterne
sollen
zeigen, wer am Ende die Herrschaft über Himmel und Erde haben wird. Aber es
wird eine menschliche und menschenfreundliche Herrschaft sein. Denn es ist das
Wort, das „Schwert“ in seinem Munde,
mit dem er regiert, nicht das Schwert in seiner Hand. Und schon wölbt sich der Regenbogen, das Sinnbild des
Friedens, über die kosmischen Räume, und schon wird das ungemein tröstliche und
hoffnungsvolle Wort in die fremd anmutende Szene gesprochen: „Fürchte dicht nicht! Ich bin der Erste und
der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von
Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“
So
kann nur einer sprechen, der den Tod und die Hölle, all das Grauen und
Entsetzen in der Welt, hinter sich hat. Das Wort
des erhöhten Christus – das wollte Helmut Ammann der Gemeinde von Sennfeld
wohl für alle Zeiten vor Augen führen -, das Wort des Auferstandenen steht
fortan über diesem Ort, an dem noch vor sechzig Jahren Tod und Zerstörung
geherrscht haben.
Der
dritte Ort im Kirchenraum, den Helmut Ammann künstlerisch gestaltet hat, sind die beiden Fenster, die die Altarwand
einrahmen.

(in: Erich Kasberger, Helmut Ammann.
Bildhauer, Maler, Grafiker. Callwey Verlag, München,
1997, S. 76.
Alle weiteren Angaben beziehen sich im übrigen auf
diesen Band.)

So
sieht man auf dem kreisrunden Medallion in der Mitte des linken Fensters die Grundzüge der Paradiesesgeschichte abgebildet:
die beiden Menschen, die sich den Apfel reichen, die beiden Bäume und den
blauen Fluss – und das alles auf goldenem Grund, so als sei alles noch in Gold
und das Ganze noch eine heile Welt – und doch übergibt Eva bereits das Symbol
des Apfels an Adam weiter und die Schlange lauert züngelnd am Rande des Bildes,
eines im Grunde noch friedvollen Bildes.

Auch
in der Mitte des viereckigen Medallions im rechten
Fenster sind Menschen, sogar viele Menschen zu sehen – Menschen, die nach oben
blicken auf die Feuerflammen über ihren Häuptern und auf das Licht, das wie ein
Trichter vom Himmel fällt und ihre Welt hell erleuchtet, vorbei an viel Dunkel,
vorbei an den blutroten Feldern der Schlange und durch alles Dunkel hindurch,
so dass sich die Menschen aufrichten und sich ganz nach oben hin öffnen.
Helmut
Ammann hat mit seiner Verknüpfung der
Geschichte vom Paradies und von Pfingsten
– genau genommen – ein theologisches Kunststück vollbracht: Er hat die
Geschichte von der Schöpfung und vom sogenannten Sündenfall in das Licht von
Ostern und Pfingsten getaucht. Das ist ungewöhnlich. Denn gewöhnlich wird die
Geschichte von Pfingsten mit der Erzählung vom Turmbau zu Babel in Verbindung
gebracht und unter anderem darauf abgehoben, dass nunmehr die Kluft zwischen
den unterschiedlichsten Sprachen, Missverständnissen und Kulturen der Menschen
aufgehoben sei und durch das Wirken des Geistes eine neue Ära des Verstehens
und der Geschwisterlichkeit begonnen habe. Helmut Ammann aber geht mit seiner
Aussage einen Schritt weiter: Er bezieht die ganze Schöpfung in den Prozess der Versöhnung ein. Das habe ich so
noch nie bei einem zeitgenössischen Künstler gesehen – außer hier, in Sennfeld.
Und
schließlich – mit Verlaub und ohne Schmeichelei sei es gesagt – ein Kompliment
an die Kirchengemeinde, den Kirchenvorstand und Herrn Pfarrer Pöschel: Sie
haben sich für die Ausgestaltung des Kirchenraumes in verschiedenen Etappen
noch einmal denselben Künstler, sogar in sehr hohem Alter, geholt und haben so
dazu beigetragen, dass die Ausgestaltung des Kirchenraumes aus einer Hand kam
und somit ein einheitliches Gesamtkunstwerk entstanden ist. Eine solche
Entscheidung versteht sich keineswegs von selbst - und sie verdient hohen
Respekt.
Mehr
noch. Diesem Gesamtkunstwerk hier im Kirchengebäude liegt – genauer betrachtet
– ein künstlerisches und geistliches Konzept zu Grunde, das dem Namen „Dreieinigkeitskirche“
auch optisch gerecht wird: Denn wir haben im linken Fenster mit seinem Thema „Schöpfung“ den ersten Glaubensartikel
vor Augen, mit der Altarwand und der Thematik „Christus, der auferstandene und erhöhte Herr“, den zweiten
Glaubensartikel und mit dem rechten Fenster und dem Thema „Pfingsten“ den dritten Glaubensartikel

–
und jeder Gottesdienst, den Sie hier in dieser Kirche feiern, geschieht somit
auch bildhaft und anschaulich im Namen des Vaters und des Sohnes und des
Heiligen Geistes.
Gehen
wir schließlich zum vierten Ort des Kirchengebäudes: zum Kirchenportal.

Denn
auch die Skulptur mit dem Motiv der Dreieinigkeit
über dem Portal ist nach demselben Prinzip entstanden: nämlich das Motiv der
Dreieinigkeit oder der Dreifaltigkeit Gottes aus dem Stein heraus zu gestalten:
Gott-Vater mit dem Reichsapfel als Ausdruck seiner Hoheit,
Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene mit ausgebreiteten Armen
und
Gott, der Heilige Geist, in der klassischen Gestalt der Taube.
Auch
dieses Kunstwerk, aus der Ferne wie
die Überschneidung von Kreuz und Kreis anzuschauen, trägt ein besonderes
Kennzeichen, mit dem Helmut Ammann immer wieder seinen Glauben in die Materie
von Holz und Glas, Erz und Stein, Ton und Leinwand zu übersetzen gesucht hat: seine tiefe Ehrfurcht vor einem Gott, der Herr
des Himmels und der Erden bleibt und doch in die Wirklichkeit des Menschen
eingeht. So wie die Menschen in seine Wirklichkeit
Mal für Mal eingehen: mit ihrem Leid und ihrem Glück, ihrem Stolz und ihrem
Schmerz, ihren Träumen und ihrer Trauer. Und wie viele Menschen sind nicht
schon im Laufe der letzten fünfzig Jahre durch dieses Tor ein- und ausgegangen!
Wer kann, wer will sie zählen?
II. Helmut Ammann, der Mensch
Wir
haben nun einiges von Helmut Ammann, dem Künstler, gehört – insbesondere im
Hinblick auf die Kunstwerke in der Dreieinigkeitskirche von Sennfeld. In jedem
Künstler steckt jedoch auch ein Mensch, ein individueller Mensch, und in jedem
Kunstwerk von ihm kommen auch seine Menschlichkeit, Eigenheit und Originalität
zum Ausdruck. Wer aber war Helmut Ammann als Mensch?
Helmut
Ammann wurde am 21. Oktober 1907 als ältestes von fünf Geschwistern in Shanghai
geboren – in Shanghai, wohin der Vater, Waldemar Ammann, berufen worden war, um
dort eine medizinische Hochschule zu gründen und chinesische Studenten im Fach
Anatomie zu unterrichten. Der Aufenthalt in China dauerte freilich nicht lange:
Nach dreieinhalb Jahren musste die Familie nach Berlin zurückkehren, weil der
kleine Helmut schwer erkrankt war.

Dort,
in Berlin, wuchs er denn auch auf: mit seinen vier Geschwistern, seiner Mutter
Margarete, die aus einer Rostocker Professorenfamilie kam, und dem Vater
Waldemar, der aus einer alteingesessenen Schweizer Familie stammte und sich
schließlich als praktischer Arzt in Berlin niederließ. Das Haus Ammann war – so
gesehen – gut situiert und reich an kulturellen Anregungen. Bald zeigte sich
auch, dass das Kind Helmut Ammann in nahezu jeder Hinsicht hochtalentiert war:
bildnerisch, literarisch, musikalisch, schauspielerisch. Zugleich wurde ihm die
vielseitige Begabung aber auch zum Problem: Wofür, für welchen Beruf, sollte
und wollte er sich schließlich entscheiden? So brach er eines Tages abrupt die
Schule ab, den Besuch des Humanistischen Gymnasiums in der 11. Klasse, und
beschloss, Schauspieler zu werden, entschied sich aber nach einer Weile und
einigem Widerstand aus der Familie dann doch dafür, Bildhauer zu werden. Die
Liebe zum gesprochenen Wort, zum Theater und zur Literatur hat er sich freilich
sein ganzes Leben hindurch erhalten.
Im
Jahre 1927, seinem 20. Lebensjahr, machte er sich, zusammen mit einem Freund,
schließlich nach Frankreich auf, wo er sich einige Monate in Paris und in der
Bretagne aufhielt und bei den Bildhauern Bourdelle und Despian in die Schule
ging. Als er Ende 1927 nach Berlin zurückkehrte, erkrankte er freilich erneut
sehr schwer und musste die so hoffnungsvoll begonnenen künstlerischen Anfänge
für ein ganzes Jahr unterbrechen. Nach seiner Genesung setzte er jedoch seine
Ausbildung zum Bildhauer an der Berliner Akademie der Schönen Künste und, zwei
Jahre später, an der Münchener Akademie fort. In München erweiterte er sogar
noch seine Ausbildung und nahm zur Bildhauerei das Studium der Graphik hinzu.
Im
Jahre 1935 beendet er die Zeit seiner offiziellen Ausbildung – inoffiziell
blieb er freilich zeitlebens ein Lernender, nicht zuletzt auch durch den
freundschaftlichen Austausch mit anderen Künstlern wie Karl Knappe und nicht
zuletzt auch dadurch, dass er sich selbst eine Reihe von Künsten wie die
Glasmalerei, das Schnitzhandwerk und vieles andere mehr selbst angeeignet hat.
Im gleichen Jahr ließ er sich in München als Bildhauer, Maler und Graphiker
nieder, und im gleichen Jahr heiratete er auch seine Lebenspartnerin Carmen Ines, eine sehr begabte, reife
und sensible Frau, die er zeitlebens liebte und verehrte.

Es
folgte eine – vor allem in finanzieller und politischer Hinsicht – sehr
schwierige Zeit. Arbeiten von Helmut Ammann (wie etwa ein Holzrelief für ein
Polizeiheim am Spitzingsee) wurden als „entartete Kunst“ verfemt, das Ehepaar
Ammann kam in Berührung mit der Widerstandsbewegung „Weiße Rose“, Aufträge
blieben aus und mussten mühsam erbeten werden. Zum Glück hat ihn seine
Schweizer Staatsbürgerschaft davor bewahrt, in den Krieg zu müssen. Aber die
Bombenangriffe auf München waren Anlass genug, einige Jahre der Evakuierung in
Castell in Franken zu verbringen. Die Tagebuchaufzeichnungen seiner Frau Carmen
sagen es auf feine und doch deutliche Weise: Es war - wie für viele Familien in
Deutschland - auch für diese Familie eine Zeit der Not, der Armseligkeit und
des Schreckens. Und doch war es für Helmut Ammann trotz allem auch eine Zeit
stillen Schaffens, der Zuversicht, ja auch des Humors. Tag für Tagt, oftmals
noch vor Tagesanbruch, nahm er sich Zeit, seine berühmten „Morgengrüße an Carmen“ zu verfassen und sie ihr zum Frühstück zu
servieren.

Die
furchtbaren Ereignisse des Krieges, die Bilder der zerstörten Städte und das Ende
der Schreckensherrschaft blieben nicht ohne tiefen Einfluss auf den Künstler
und sensiblen Menschen Helmut Ammann. Unmittelbar nach dem Krieg entstand so
eine ganze Reihe von Arbeiten, die aufrütteln und zur Umkehr anregen wollten,
Mahnmale gegen den Krieg wie

Klage Betroffene Die Übriggebliebenen
Jetzt,
nach Kriegsende, wurde er auch als Künstler besonders gebraucht und anerkannt.
Es begann – auch für ihn - die Zeit
eines unerhört reichen, ja rastlosen Schaffens: im städtischen, im staatlichen
und insbesondere im kirchlichen Bereich- und das in nahezu allen Sparten der
bildenden Kunst:
„Das Spektrum reicht vom
geschnitzten Rindenstück bis zur Holzskulptur, es entstanden Bronzeportraits
und Eisenarbeiten, kleine Specksteine, aber auch ein tonnenschwerer Brunnenfels
aus Nagelfluh, Steinmosaiken, Bildhauerzeichnungen, Holzschnitte, Aquarelle,
Radierungen. In jedem Material zeigte Helmut Ammann erstaunliche Sicherheit und
großen Mut: ‚Der Zugriff muss kühn sein – sagt er selbst
-. Dann bist du in der Lage weiterzumachen. Wenn du zimperlich bist, dann
brauchst du viele Jahre.’“
(Erich
Kasberger, a.a.O., S. 205 f.)
Und
noch eine wichtige Einsicht, ja eine tiefe Weisheit des Künstlers und Menschen
Helmut Ammann stammt aus dieser Zeit: Nichts geht verloren. Was immer vom Stein
wegbricht, ist nicht umsonst weggebrochen. Vielmehr - sagt er - : „Was abspringt, ist richtig.“ (Erich
Kasberger, a.a.O., S. 205).
Die
Fülle der Arbeit wächst – wie gesagt – ins Unermessliche, wie auch der
Bekanntheitsgrad und die Reichweite der Aufträge an ihn in Deutschland
unaufhaltsam wachsen: von Bremen bis Burghausen in Oberbayern, von Hof bis zum
Kloster Lambrecht in der Pfalz und an unzähligen anderen Orten. Und immer
wieder wird in seinen Arbeiten die Absicht spürbar: zu erzählen, in Geschichten
und Bildern zu erzählen, insbesondere mit dem Mittel der Kirchenfenster.
„Das Bild in der Glasmalerei
– sagt er
einmal – ist eben das Erzählen..., das
mir damals gemäß war. In gewissem Sinne
war dies auch meine Kinderseele. Die Schönheit der Geschichten, die in der
Bibel erzählt werden, ist mir sehr früh aufgegangen. Ich habe mir diese Bilder
oft vorgestellt und meine eigene Situation darin wiedergefunden. Alle Nöte und
Zweifel waren darin schon eingezeichnet. Als diese Aufträge auf mich zukamen,
war ich eigentlich sehr gut vorbereitet, so dass die Komposition als solche und
das Erzählen für mich ein Vergnügen wurden.“
(Erich
Kasberger, a.a.O., 206)
Noch
hat der Bildhauer freilich die physische Kraft, noch hat der Mensch Helmut
Ammann die nötige Gesundheit, die vielen Aufträge eigenhändig auszuführen.

Aber
mehr und mehr braucht er, mehr und mehr holt er sich auch Hilfe, so auf
künstlerischem Gebiet, wo ihm sein „Ziehsohn“ und junger Kollege Raphael Stolle
wie ein Engel zur Hand geht:

Aber
der Gesundheitszustand und die körperliche Gebrechlichkeit führen in wachsendem
Maße dazu, dass der Mensch Helmut Ammann Fürsorge, Hilfe und Unterstützung
erfährt und annimmt, insbesondere durch seine Lebenspartnerin Gisela Kraus-van Erckelens, die Witwe
eines Universitätsprofessors in Pöcking, zu der er nach dem Tod seiner Frau
Carmen im Jahre 1976 zieht. Mit ihr erlebt er noch einmal eine neue
Schaffensperiode. Mit ihr bricht er auch noch einmal auf - auch zu Reisen in die große Welt: nach
Jamaika zum Beispiel, in die Schweiz, in die Vereinigten Staaten, vor allem die
große Stadt New York. Aus dieser Zeit stammt eines der schönsten Fotos,

die
wir von Helmut Ammann haben: dem Menschen mit dem eleganten Hut, dem
schwungvoll umgeworfenen Schal und den ins Weite blickenden Augen. Die
achtziger und die neunziger Jahre – es sind Jahre des Glücks für ihn geworden
und der Ernte eines erfüllten Lebens, eine geschenkte Zeit gewissermaßen, die
schließlich am 28. Januar 2001 zu Ende ging. Mit über 93 Jahren starb er im
Frieden, noch wachen Geistes, aber von körperlicher Schwäche und Schmerzen
gezeichnet. Sein Leben erlosch, so wie eine heruntergebrannte Kerze langsam
erlischt.
III. Das künstlerische Werk von Helmut
Ammann - drei Akzente.
Im
Laufe des Lebens, insbesondere in den Jahren nach dem Krieg, wurde der Künstler
Helmut Ammann zusehends bekannter, von Kunstwerk zu Kunstwerk, und es sprach
sich – nicht nur in kirchlichen Kreisen – rasch herum, was ihn besonders
ausgezeichnet hat: seine Originalität, seine Vielseitigkeit, sein Fleiß. So
stehen am Ende seines Lebens ein Ruf von Weltrang und ein Werk von unzähligen
Arbeiten aus nahezu jedem Material: Portraits und Steinplastiken, Reliefs und
Altäre, Mosaiken und Ölbilder, Denkmäler und Schnitzwerke. Ein vorläufiges
Werkverzeichnis zählt nicht weniger als 769
große Kunstwerke, von den kleinen und kleineren ganz zu schweigen. Es blieb
denn auch nicht aus, dass ein solcher Künstler von Weltrang immer wieder auch
hohe Auszeichnungen erhielt:
· so den Kunstpreis der Stadt
Schaffhausen in der Schweiz, der Stadt seiner Väter,
· so den Schwabinger Kunstpreis der Stadt München (1966) und
· so den Albert-Schweitzer-Preis für Kunst der Stadt Amsterdam, den er im Jahre 1971 aus der Hand der
holländischen Königin in Empfang nahm, und andere mehr.
Worum
aber ging es nun Helmut Ammann in seiner Kunst zuvörderst? Welche Schwerpunkte, welche Motive , welche
Themen stellen sich bei näherem Zusehen heraus?
Lassen
Sie mich hier in aller Kürze auf drei Akzente näher eingehen.
1.Der einzelne Mensch
Da
ist zunächst der einzelne Mensch, dem schon seit jeher die Aufmerksamkeit von
Helmut Ammann gegolten hat – der einzelne
Mensch: sein Gesicht, seine Gestik, seine Gestalt,
sei
es ein Portrait aus Bronze wie das des Dirigenten Hanns Knappertsbusch,
sei
es die Federzeichnung von Heinz Flügel,
dem Schriftsteller und Freund,
sei
es das Aquarell auf Leinwand von Frau Alice
Jungwirth.
Dabei
fällt auf, wie sehr und wie mutig sich Helmut Ammann – ganz im Gegensatz zu
anderen Malern unserer Zeit – überhaupt
auf das Gesicht des Menschen einlässt.
„Für mich ist eine Nase – sagt er einmal – nicht einfach eine Nase, ein Mund nicht
einfach Mund, eine Stirn nicht einfach Stirn, sondern diese sind
Ausdruckszeichen eines inneren Zusammenhangs.“ ( Erich Kasberger, a.a.O., S.12)
Und
an anderer Stelle sagt er es noch deutlicher:
„Ich habe immer
vorausgesetzt, dass jeder Mensch ein eigenes Gesicht hat, das der Mühe wert
ist, entdeckt zu werden. Aber leben wir nicht in einer gesichtslosen Zeit? Wie individuell sind die Gesichter, denen wir begegnen?“ (Erich
Kasberger, a.a.O., S. 13)
Besonders
eindrucksvoll, ja unerschrocken ist er dabei mehrfach der Frage nach dem eigenen Gesicht
nachgegangen – seinem Schicksal, seiner Wandlung, seinem Verfall, den es im
Laufe der Lebensgeschichte durchmacht. Lassen Sie mich das am Beispiel von drei
ausgewählten Selbstbildnissen
anschaulich machen:
· dem Selbstbild von 1954,
einer Kohlezeichnung,

· dem Selbstbildnis von 1976
mit verwelktem Rosenstrauß, einem Ölbild,

· und dem Selbstbildnis „Das neue Gesicht“ von 1987,
einem Kunstwerk aus Bronze und einer kühnen Konfrontation des damals
80-jährigen Künstlers mit dem eigenen Tod, wohl eines seiner berühmtesten
Werke:

2. Der Mensch in seiner Welt
Auch
wenn der Mensch allein in diese Welt kommt, auch wenn der Mensch sie wieder
allein verlassen muss, so ist und bleibt er oder sie im Leben zumeist doch
nicht allein. Jeder Mensch ist mehr oder weniger lange mit anderen Menschen
zusammen, lebt sozusagen in Beziehung zu anderen. Der Mensch ist – so gesehen –
ein Beziehungswesen, und seine Wirklichkeit ist eine „Beziehungswirklichkeit“. Helmut Ammann hat dieses Wort
„Beziehungswirklichkeit“ besonders geliebt und oft gebraucht. Und er hat diese
Tatsache in einer Vielfalt von Themen immer wieder künstlerisch durchgespielt:
· Menschen führen
beispielsweise ein Gespräch miteinander –

· Menschen sind in Schuld verstrickt –

· Menschen lesen miteinander ein Buch –

· Menschen sehnen sich nach Sonne –

· Menschen kommen und gehen -

· Menschen warten auf etwas oder warten auf jemanden –

3. Der Mensch in seinem Glauben
Helmut
Ammann hat zahlreiche Arbeiten für öffentliche Einrichtungen geschaffen:
· für das Europäische Patentamt in München zum Beispiel,
· für die Landesbank in Nürnberg,
· für das Klinikum in Großhadern, München, und viele mehr.
Seine
besondere Liebe aber hat doch zeitlebens den Kirchen gegolten, dem Glauben und der
religiösen Kunst: der Ausgestaltung von Kirchen und Gemeindehäusern,
Meditationszentren und Kreuzgängen, Sakristeien und Friedhöfen. Wir sehen das
beispielsweise am künstlerischen Ausbau
von Kirchenräumen wie
· dem „Himmlischen Jerusalem“
in der Erlöserkirche Würzburg-Zellerau,

· dem Weihnachtsfenster
in der Apostelkirche von Weilheim,

· dem „Fünfbotenaltar“
im Münster von Heidenheim am Hahnenkamm

Wir
sehen das zum anderen am Umgang mit
religiösen Bildern und Symbolen wie
· dem Lamm (Steinmosaik)
in der Erlöserkirche von Würzburg-Zellerau,

· dem heiligen Michael
(Steinmosaik, 1984) in der Kirche von Lochham bei München,

· dem Kreuz aus
belgischem Granit von 1985
Und
wir sehen das schließlich an der Gestaltung
von Grabmälern, Friedhöfen
und Hoffnungszeichen
· wie dem Grabmal für Heinz
Rühmann (1995),

· wie am Mahnmal auf dem Friedhof
von Pöcking (1983),
· und schließlich wie an dem Kunstwerk „Die Himmelsscherbe“,

In
dieser sogenannten „Himmelsscherbe“ (200x236
cm groß, in Kirberg), einem beim ersten Hören etwas seltsam klingenden
Kunstwerk aus Bronze und späten Werk aus dem Jahre 1994, in dem Helmut Ammann
immerhin 87 Jahre alt wurde – in dieser „Himmelsscherbe“ also verdichten sich
noch einmal all das Sehen, Hoffen und Glauben, die Helmut Ammann sein ganzes
Leben beseelt und bewegt haben: das entschlossene Stehen und Leben auf dieser
Erde und die stille Sehnsucht nach dem Himmel, die Abrundung des Kunstwerkes in
der Form und ihre Aufgeschlossenheit und Offenheit zugleich nach oben hin, die
Ahnung von einem gebogenen Blatt oder einer offenen Hand, die das Licht
versammelt und zum Bleiben einlädt, ein ruhender Pol sozusagen in diesem grünen
Raum der Natur, so als wollte die Ruhe dieses Raumes zum Ausdruck bringen: Ich
warte noch auf etwas – auf etwas, was noch kommt, auf etwas, was diese offene
Hand noch füllen wird – und sei es mit einem unerwarteten Geschenk, und sei es
mit einem Wunder.
Helmut Ammann sagt selbst in einem
Gespräch ein paar wundervolle Sätze zu dieser Arbeit, und mit diesen Sätzen
sollen meine Ausführungen hier denn auch schließen:
„Es ist vielleicht die beziehungsreichste
Arbeit, die ich je gemacht habe. Sie ist ein Gleichnis. Zum einen bezieht sie
sich auf die Erde und zum anderen auf den Himmel. Himmel und Erde stehen in
Beziehung, ganz bewusst. Die ‚Himmelsscherbe’ ist wie alle Pflanzen zum Licht
geöffnet und sie ist nicht ohne Himmel und nicht ohne Erde denkbar. Die Brücken
sind da, jeder spürt sie jeden Tag.“ (Erich Kasberger, a.a.O., S. 210)
Die
Brücken sind da, jeder spürt sie jeden Tag.
Ich
danke für alle Aufmerksamkeit.